Assoziationen eines Lesers

In Zeiten des völkerrechtswidrigen Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine ist es ein gewagtes Unterfangen, ausgerechnet ein sowjetisches Opfer des Zweiten Weltkriegs in den Mittelpunkt eines Romans zu stellen. Jura Rjabinkin, geboren am 2. September 1925, verhungerte wie über eine Million Leningrader und Leningraderinnen während der 872 Tage währenden Blockade durch die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg, einem der furchtbarsten Verbrechen dieses Krieges. Von etwa drei Millionen Bewohnerinnen und Bewohnern der Stadt erlebten nur ungefähr 700.000 die Befreiung durch die Rote Armee im Januar 1944, gut eine Million konnte zuvor über den Ladogasee evakuiert werden. Dass wir die Details von Juras unermesslichen Leiden kennen, liegt an seinen Tagebüchern, die er vom Kriegsbeginn am 22. Juni 1941 bis zum 6. Januar 1942 führte. Danach konnte er den Stift vor Schwäche nicht mehr halten und brach mitten im Satz ab.
Der 1948 geborene Schauspieler und Autor Edgar Selge erfuhr von Juras Tagebüchern, als der russische Schriftsteller Daniil Granin (1918 oder 1919 – 2017) am 27. Januar 2014, nur sechs Wochen vor der völkerrechtswidrigen russischen Besetzung der Krim eine Rede im Deutschen Bundestag zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus hielt. Er war selbst zeitweise an der Leningrader Front im Einsatz und stellte mit seinem belarussischen Kollegen Ales Adamowitsch (1927 – 1994) Ende der 1970er-Jahre eine Chronik der Leningrader Blockade zusammen, in die Teile von Juras Tagebuch einflossen.
Dialog mit einem Toten
Als Edgar Selge unmittelbar nach Abgabe seines Debüts Hast du uns endlich gefunden 2021 erneut auf Juras Tagebuch stieß, hatte er das Thema seines zweiten Romans gefunden: Juras letzter Winter, dessen Besonderheit vor allem in der Form liegt. Einerseits hat der Ich-Erzähler viel mit dem Autor gemeinsam, andererseits begegnet er während des Schreibens Jura und erhält so die Möglichkeit, mit ihm in einen Dialog zu treten und aus dem Opfer einen lebendigen, neugierigen und bisweilen streitlustigen Gesprächspartner zu machen.

Die 18 Kapitel sind deshalb mehr als eine Dokumentation des unvorstellbaren Elends, das aus den teilweise wörtlich zitierten Tagebucheinträgen spricht: Juras zerstörerischem Hunger, seinem Erschrecken vor der eigenen Charakterschwäche, wenn er sich wiederholt an den Rationen von Mutter und Schwester vergriff, seinen Zukunftsträumen, seiner Liebe zur Literatur, seinen Hoffnungen, seinen Todesfantasien und seinem Ringen darum, trotz allem ein Mensch zu bleiben. Juras letzter Winter ist auch das Protokoll eines Lesers, der seine Auseinandersetzung mit dem Text und seine unwillkürlich aufblitzenden Assoziationen niederschreibt und mit Jura diskutiert. Einerseits sind es eigene Kindheits- und Jugenderinnerungen, die um Gewalt, Einsamkeit, Literatur, gescheiterte Träume oder eine problematische Eltern-Kind-Beziehung kreisen, andererseits notwendige Positionierungen in Zeiten allgegenwärtiger Kriege und das Nachdenken über einen offenen Brief an Bundeskanzler Olaf Scholz von 2022 gegen die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine, den Edgar Selge – und hier ist er eindeutig identisch mit dem Ich-Erzähler – so heute nicht mehr unterschreiben würde.
Ein gewichtiger Stolperstein
Mit der beeindruckenden Eleganz eines im Umgang mit literarischen Texten und Dialogen geschulten Schauspieler und mit Hilfe vieler Bezüge zur Literatur und Philosophie verbindet Edgar Selge die beiden Ebenen, wobei ich mir noch etwas mehr Jura und dafür weniger eigene Erinnerungen gewünscht hätte. Glücklicherweise wird sich der Ich-Erzähler aber deren Fallhöhe zu Juras Schicksal immer wieder bewusst und ruft sich zur Ordnung:
Ich rede sowieso viel zu viel über mich. (S. 87)
Ein gewichtiger Stolperstein gegen das Vergessen und ein erschütterndes Zeugnis sowohl über die Bedeutung von Krieg als auch über die transgenerationale Weitergabe von Gewalt.
Edgar Selge: Juras letzter Winter. Rowohlt 2026
www.rowohlt.de
Weitere Rezension zu einem Roman von Edgar Selge auf diesem Blog:




















