Kann die unwahre Version einer Geschichte richtig sein?

Der Titel Nicht hätte auch zum letzten Buch des 1975 geborenen israelischen Autors, Literaturwissenschaftlers und Übersetzers Dror Mishani gepasst, der international durch seine Krimis bekannt wurde. Kurz nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 veröffentlichte er 2024 das Kriegstagebuch Fenster ohne Aussicht, in dem er sich gegen die herrschende Kriegslogik, die radikale Militäroperation im Gazastreifen und die nationalistische Rhetorik seines Landes und Mitgliedern seiner eigenen Familie positioniert.
Nicht ist der erste Roman, der nach diesem Plädoyer in der gelungenen Übersetzung von Markus Lembke auf Deutsch erschienen ist. Es ist kein politisches Buch, sondern eine Mischung aus Liebesroman und Spannungsliteratur, das Begriffe wie Wahrheit, Lüge, Schuld, Glück und Wunder verhandelt und trotz zahlreicher Zutaten aus dem Krimigenre kein Kriminalroman ist. Nun sind es die zunehmend verzweifelten Lesenden, die den Protagonisten Eli mit dem titelgebende Nicht stoppen möchten, eine Aufforderung, die er selbst einmal zu wenig benutzt und damit ungewollt eine Lawine verhängnisvoller Ereignisse ins Rollen gebracht hat.
Neue Liebe
Eli ist 52 Jahre alt, Witwer und erwartet nichts mehr vom Leben. Auf privater Seite hat er den Tod seiner geliebten Frau Oschra, genannt Oscher, was so viel wie Glück bedeutet, nicht verwunden. Seine berufliche Zukunft als leidenschaftlicher Übersetzer von Kriminalromanen sieht er durch KI bedroht. Doch dann lernt er überraschend Lia kennen, eine Cellistin, auch sie mit Narben aus ihrer Vergangenheit. Eli blüht auf und glaubt plötzlich wieder an die Zukunft:
Und dann stellt sich heraus, der Sack mit Gottesgeschenken, der deinen Namen trägt, ist doch noch nicht vollkommen leer. Noch nicht. (S. 14)
Als er auch die letzte Hürde genommen und sich mit Lias „Augenstern“ (S. 28), einem misstrauischen Kanaan-Mischlingshund namens Felix, Glück, angefreundet hat, steht ihrer Verbindung nichts mehr im Weg.
Als großen Vertrauensbeweis bittet Lia ihn, sich während ihrer einwöchigen Konzertreise nach Wien um Felix zu kümmern. Zunächst geht alles gut, aber dann macht Eli einen folgenschweren Fehler. Auf den Schock folgt Panik, denn plötzlich steht alles wieder auf der Kippe:
Lia wird dir nicht verzeihen. All das, was du in einem Augenblick der Unachtsamkeit, oder Schwäche, verloren hast, begreifst du. Der Sack voller Geschenke war eine Illusion, Eli. (S. 68)
Und so tischt der verzweifelte Eli, der immer stolz auf seine Wahrheitsliebe war, Lia die erste Lüge auf.

Lügen über Lügen
„Einen Fehler durch eine Lüge zu verdecken, heißt, einen Flecken durch ein Loch zu ersetzen“ sagt Aristoteles, und weil es zur Verdeckung der ersten Lüge immer weiterer bedarf, wird die Leerstelle immer größer und das Risiko der Entlarvung wächst. Was ahnt oder weiß Lia? Was die engagierte Polizistin, bei der der Fall schließlich landet? Wie weit geht Eli, um den Einsturz seines planlos errichteten Lügengebäudes zu verhindern? Kann die unwahre Version einer Geschichte trotzdem die richtige sein?
Spannend, überraschend, verwirrend – klasse!
Mir hat die nur 187 Seiten umfassende, sehr spannende und temporeiche psychologische Studie viel Freude gemacht, auch wegen der interessanten Überlegungen zum Handwerk des Übersetzens und Schreibens. Die Fragen nach Moral, Schuld, Vergebung und dem Preis, den man für das Glück zu zahlen bereit ist, entwickelten für mich einen Sog, genau wie die gänzlich unerwarteten Wendungen und die längst nicht alle gelösten Rätsel. Eines davon meine ich auf der letzten Seite entschlüsselt zu haben: wer hier in der ungewöhnlichen und zunächst befremdlichen Du-, manchmal auch Wir-Form erzählt. Doch auch das ist, wie vieles in diesem Roman, Spekulation.
Dror Mishani: Nicht. Aus dem Hebräischen von Markus Lemke. Diogenes 2026
www.diogenes.ch
Weitere Rezension zu einem Roman von Dror Mishani auf diesem Blog:























